Zeit und Beschleunigung in unterschiedlichen Kulturen

6.5.2008, 9:08

Zeit und Beschleunigung

«Das Zeitproblem ist keine Naturgewalt»

Bis 1906 lag die Zeit an der Kette – dann erfand der Pariser
Juwelier Louis François Cartier die Armbanduhr. Seitdem fühlen wir uns getrieben. Mehr und mehr von Generation zu Generation. Doch nicht alle Kulturen leiden unter Zeitdruck und Beschleunigung. Wir können viel von ihnen lernen, weiss Ivo Muri (48), Gründer von Zeit & Mensch – Institut für Zeitwirtschaft und Zeitökologie in Sursee.

Zeit ist nicht gleich Zeit. Die Kubaner sagen «Time is no money», während für uns Zeit immer Geld ist. Welche Rolle spielen Zeit und Beschleunigung in unterschiedlichen Kulturen?
Wie stark die Beschleunigung in einer Kultur ist, sehen wir an vier Aspekten: Welche Verkehrsmittel werden verwendet? Welche Kommunikationsmittel werden verwendet? Wie gross ist der Wirtschaftsraum – wie ist die Arbeit verteilt? Wie gross ist der Währungsraum? Ein grosser Wirtschafts- und Währungsraum ist hektischer als ein kleiner. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Beschleunigung in allen vier Handlungsfeldern stattgefunden, aber in verschiedenen Regionen unterschiedlich stark. In Europa war die Beschleunigung besonders rasant: dichtes Handynetz, dichtes Verkehrsnetz, einheitliche Währungslandschaft durch den Euro. Eine ähnliche Entwicklung gibt es zwischen Europa und China. In anderen Regionen sind die Kommunikationsmittel noch nicht so verbreitet, die Verkehrswege noch nicht so ausgebaut wie bei uns. Da ist es ruhiger.

Können wir als Einzelne aus diesem Prozess ausbrechen?
Schwierig. Jeder Einzelne ist Egoist genug, seine Zeit möglichst gut einzuteilen. Wenn das aber nicht reicht, um den Zeitdruck zu bewältigen, müssen wir nach kollektiven Ursachen der Beschleunigung schauen. Natürlich kann man sich entscheiden, auszusteigen. Aber ob man dann wirtschaftlich noch mitkommt, ist fraglich. Jeder Einzelne ist den kollektiven Ursachen der Beschleunigung ausgeliefert. Sie können sich allerdings überlegen, wer Sie sind und welche Funktionen sie erfüllen bzw. erfüllen möchten. Sie können nicht Institutschef, Verwaltungsratspräsident, Geschäftsführer und Vater zugleich sein. Wenn Sie auf einmal zu viele Rollen haben, dann haben Sie automatisch Stress. Also überlegen Sie sich: Welche Funktion möchte ich jetzt haben? Möchten Sie den Berufseinstieg schaffen? Oder Mutter sein? Das auch ruhig sieben Jahre lang. Und dann können Sie den Einstieg wieder planen. Ich bin 25: Jetzt ist für mich Reisezeit. Ich bin 35: Jetzt ist Familienzeit. Wenn Sie alles gleichzeitig tun wollen, kommen Sie unter Druck.

Und was können Unternehmen und Politiker zur Entschleunigung beitragen?
Unternehmen könnten ein Seminar mit ihren Kaderleuten machen, in dem wir aufzeigen, wie sie trotz immer schnellerer Abläufe in der Umwelt Prozesse entschleunigen können. Auf der gesellschaftspolitischen Ebene besteht ebenfalls Handlungsbedarf. Wenn wir alle Zeiträume abschaffen, zu denen Menschen sich automatisch begegnen, dann können keine guten Kulturen entstehen. Wie soll beispielsweise eine Familienkultur entstehen, wenn ich jeden Termin planen muss, zu dem die ganze Familie gemeinsam am Tisch sitzt?

Welche Rolle spielen Zeit und Beschleunigung in unterschiedlichen Kulturen?
Wenn man beispielsweise einem Inuit sagt, dass man keine Zeit hat, denkt er, man hätte keine Uhr. Generell sind alle Völker, die noch stark landwirtschaftszentriert sind, näher am Tag-Nacht-Rhythmus, an den Monatsverläufen und den Jahreszeiten. Wer in, mit und von der Landwirtschaft lebt, ist gezwungen, den Rhythmen der Natur zu folgen. Das Wachstum von Pflanzen und Tieren ist gekoppelt an die natürlichen Rhythmen der Planeten. Getreide wächst in der Schweiz und in China gleich schnell, ein Huhn braucht in der Schweiz und in China gleich viel Zeit, um zur Schlachtreife zu gelangen. Der Schweizer und der chinesische Bauer müssen dem Huhn gleich viel Wasser, Futter und Antibiotika geben. Aber die Lebenshaltungskosten des chinesischen Bauern sind um ein Vielfaches tiefer als die des Schweizer Bauern. Man kann in der Schweiz ein chinesisches Huhn günstiger kaufen als ein Schweizer Huhn, weil die Fixkosten für dessen Produktion niedriger sind. Fixkosten sind deshalb fix, weil sie an die Zeitachse gekoppelt sind. «Zeit ist Geld» kommt ins Spiel.

Die alten Griechen unterschieden noch zwischen Kairos und Chronos, dem Zeitpunkt und dem Zeitverlauf. Hatte diese Unterscheidung irgendwelche Vorteile?
Es gibt drei Arten von Zeit: Kairos, Chronos und «Zeit ist Geld». Kairos ist die Seelenzeit, der richtige Zeitpunkt für eine Handlung, für die auch der richtige Energiezustand gegeben sein sollte. Chronos ist die Bewegung der Planeten im Raum. Beides gehörte für die Griechen eng zusammen. Wenn ich mit der Natur im Einklang bin, sind Kairos und Chronos gesund. Ist Kairos gestört, kommt es zum Beispiel zum Burn-out. „Zeit ist Geld“ bedeutet, dass Geld kursiert, das an die Zeitachse gekoppelt ist. Die so genannten Fixkosten sind verbunden mit Chronos: Ein Tag vergeht und der Tageslohn wird fällig. Die Fixkosten steigen jedes Jahr und deshalb sind wir gezwungen, immer mehr zu produzieren. Gleichzeitig sinken die Preise. Also müssen wir noch mehr und länger arbeiten. Unsere Psyche kommt unter Druck und die Lebensenergie kann sich nicht mehr regenerieren. So entstehen über die Jahre durch Dauerstress psychische Erkrankungen. Naturvölker sind mit «Zeit ist Geld» wenig konfrontiert. Darum haben sie weniger Stress. Ein Kirgise kennt die Zeit der Aussaat und der Ernte, die Zeit des Kalbens und der Aufzucht. In diesem Rhythmus lebt er. Das Wachstum von Tieren und Pflanzen kann man nicht über die Massen beschleunigen. Es gibt eine klare Grenze. Bei «Zeit ist Geld» gibt es keine natürliche Begrenzung, Beschleunigung ist endlos, alles ist dringend und muss gleichzeitig geschehen.

Haben wir denn reale Chancen, uns wieder an die natürlichen Abläufe rückzukoppeln?
Das erscheint auf den ersten Blick schwierig. Aber wir müssen nur schauen, wie es zu dieser Beschleunigung gekommen ist. Der umgekehrte Weg bringt die ersehnte Entschleunigung. Also: Wieder kleinere Währungsräume schaffen. Wir wollten durch die Einführung des Euro mehr Freiheit erreichen und das Geld in ganz Europa zirkulieren lassen. Jetzt erkennen wir, dass dadurch eine wichtige Hemmung im Wirtschaftssystem weggefallen ist und dass mehr Beschleunigung und mehr gegenseitige Abhängigkeit entstanden ist. Das ist das Gegenteil von Freiheit.

Wäre es denn nicht ein entwicklungsgeschichtlicher Rückschritt, jetzt wieder Landeswährungen einzuführen?
Nein, das wäre eine vernünftige Erkenntnis. In kleineren Wirtschaftsräumen würden sich die Menschen wieder geborgen fühlen, die gegenseitigen intensiven Abhängigkeiten würden abnehmen. Die aktuelle Wirtschaftskrise in den USA schwappt in wenigen Wochen auf die ganze Welt über. Bei vielen kleinen, in sich stabilen Währungsräumen bewirkt eine Krise in den USA nicht sofort eine Krise in Europa und Asien. Derzeit hat eine Strompanne in Italien sofort Auswirkungen auf Norddeutschland. Wir sind abhängig und unfrei. Und dadurch kommt auch die Zeit unter Druck. Wir müssen uns dieser Wahrheit stellen.

Unsere Kommunikationsmedien werden immer schneller, die Rechenkapazität von Computern verdoppelt sich alle 18 Monate. Auch wir müssen unsere Leistungsfähigkeit permanent potenzieren. Führt das nicht notwendig zum Kollaps?
Solange wir Lebewesen sind, können wir eine gewisse Beschleunigung nicht überschreiten. Bei den Kommunikationsmitteln haben wir bereits Lichtgeschwindigkeit erreicht. Schneller geht es nicht. Wir sind physische Wesen und an einen bestimmten Ort gebunden – wir können uns noch nicht an andere Orte beamen.

… obwohl es sich manchmal so anfühlt, als würde genau das von uns verlangt: maximale Mobilität. Werden die natürlichen Grenzen des Menschen nicht oft missachtet, zum Beispiel von Arbeitgebern?
Das stimmt. Nehmen wir die Ladenöffnungszeiten: Eine Gesellschaft, die die Ladenöffnungszeiten nicht mehr einschränkt, arbeitet sieben Tage pro Woche 24 Stunden. Kommunikationsanbieter mussten immer schon auch nachts die Infrastruktur aufrechterhalten – aber eben weil sie in einer Spezialbranche tätig sind. Früher gab es Feierabende und Feiertage. Die wurden bewusst eingeführt, um gemeinsame Freizeiträume zu schaffen. Am Feierabend sollten sich alle Berufsleute aus allen Branchen treffen und gemeinsam den Abend feiern. Die meisten Menschen einer Region hatten dann gemeinsam frei. In diesen Freizeiträumen können gemeinsame Kulturen entstehen. Wenn alles rund um die Uhr läuft, entfallen diese automatischen Begegnungszeiträume und damit auch die Kulturen. Die Art, wie wir Zeit strukturieren, ist direkt kulturbildend. Das gilt auch für die Unternehmenskultur, also gemeinsame Freizeit und Begegnungsräume in Unternehmen, und auch für die Kultur der gesamten Gesellschaft.

Also ist es eine Wechselwirkung: Nicht nur Gesellschaftsstruktur und Kultur bilden die Zeitform, in der wir leben, sondern ich habe auch die Möglichkeit, die Zeitstrukturen selbst zu beeinflussen – wenigstens, wenn ich im Kollektiv agiere.
Ganz genau. Wenn ich eine bestimmte Zeitstruktur pflege, werde ich automatisch die dadurch geprägte Kultur ernten. Es gibt ein spannendes Beispiel bei der Deutschen Bahn: Die Deutsche Bahn hat eine neue Tarifstruktur erfunden, die an die Zeitachse orientiert ist. Wer morgens zur Hauptverkehrszeit Bahn fährt, bezahlt mehr fürs Ticket als jemand, der tagsüber oder abends fährt. Was passiert? Wer es sich nicht leisten kann oder will, zur Hauptverkehrszeit zu fahren, der wird nie dem begegnen, der sich das leisten kann. Extrem: Wendet die Deutsche Bahn diese Tarifstruktur weiter an, hat das zur Folge, dass Reiche und Arme sich nicht mehr begegnen. Anfassen können wir nur das Mass, mit dem wir die Zeit messen: die Uhr. Aber nicht die Zeit selbst, die zerrinnt. Deshalb nehmen wir die Folgen der Veränderungen, die wir in den Zeitstrukturen vornehmen, zunächst nicht wahr. Erst nach ein paar Jahren bemerken wir die Folgen, und dann ist es zu spät. Offenbar begreifen im Moment nur wenige, wie weitreichend die Auswirkungen solcher Entscheidungen sind.

Sind Schnelle immer produktiv?
Ich denke, dass alle Ausprägungen von Zeit grundsätzlich weder gut noch schlecht sind. Es ist wichtig, manchmal geschwind zu sein und manchmal langsam. Es ist wichtig, gewisse Dinge in Unordnung zu tun und andere in Ordnung. Manchmal ist Chaos produktiv, manchmal Struktur. Es kann sein, dass Sie mal maximal flexibel sein müssen und dann wieder in starren Zeitstrukturen arbeiten müssen. Ein Problem wird’s dann, wenn man nur noch flexibel ist oder nur noch schnell. Alle Zeitqualitäten sind wichtig. Sie müssen aber im richtigen Moment richtig angewandt werden. Das einseitige «Zeit ist Geld» ruft überall Hektik hervor. Wir müssen immer mehr gleichzeitig tun und haben keine Chance, Prioritäten zu setzen.

Welche Konsequenzen hat die kulturell unterschiedliche Zeitwahrnehmung, zum Beispiel für die wirtschaftliche Produktivität in dem jeweiligen Land?
Das ist wieder ein Zeit-ist-Geld-Thema. Produktivität heisst: Was habe ich produziert pro Stunde? In Deutschland, der Schweiz oder China haben wir quasi die gleichen Maschinen. In China sind die Löhne aber deutlich niedriger. Sie können in der Schweiz oder in Deutschland also 24 Stunden am Tag arbeiten, ohne die Produktivität der Chinesen zu erreichen. Wenn Länder produktiver sind als andere, hat das vor allem mit den Lohnkosten zu tun. Man könnte Löhne weltweit vereinheitlichen – das würde den heute extremen Wettbewerbsdruck schlagartig beenden.

Sind Burn-outs in jeder Kultur denkbar?
Wo Zeitwohlstand herrscht, sind Burn-outs selten. Zeitwohlstand heisst, dass ich mich in Bezug auf meine Zeit wohlfühle und dass ich keine Existenzangst habe. In Billiglohnländern führt Existenzangst genauso zum Burn-out wie in Hochlohnländern: «Reicht das Gehalt?», «behalte ich meinen Job?», «schaffe ich die Arbeit?», sind die drängenden Fragen. Die Arbeitswelt, die wir uns geschaffen haben, ist allzu unsicher geworden. Das erzeugt Stress, Ängste und im schlimmsten Fall das Gefühl des Ausgebranntseins. Psychische Erkrankungen ihrer Mitarbeiter kosten Unternehmen jedes Jahr Milliarden – aber dass sie ihnen den Druck nehmen und ihnen die Chance geben, sich mit den natürlichen Rhythmen zu synchronisieren, diese Idee liegt den Firmen fern. Eine Wirtschaft, die für die meisten Menschen zur Bedrohung geworden ist, ist ihrem Zweck entfremdet. Wir können nicht jeden Tag um unsere Existenz kämpfen. Wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir keine Zeit haben. Wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir kein Geld haben und dauernd unsere «Marktanteile» sichern müssen. Und darunter leidet irgendwann auch die Wirtschaft.

Was ist für Sie die optimale Gesellschaftsform im Hinblick auf den Umgang mit Zeit und auch auf Lebenszufriedenheit?
Das ist für mich als Schweizer ganz einfach zu beantworten: die Schweiz, wie sie vor 30 Jahren war. Die Schweiz war während Jahrzehnten das europäische Paradies. Wir haben es innerhalb von 30 Jahren zerstört. Was haben wir gemacht? Wir haben direkte Mitsprache, ein Einzugsgebiet von 30 km rund um die Bettstatt und Geborgenheit verwandelt in eine globale private Netzwerkgesellschaft, in der niemand mehr territoriale Begrenzungen hat. Dadurch sind Machtkonzentrationen entstanden, die uns nicht gut tun. Eine Rückkehr zum Kleinräumigen, das ist in meinen Augen die Lösung. Wir wissen, was wir verändert haben. Jetzt erkennen wir die Konsequenzen. Und wenn es vorher besser war, dann müssen wir nur den Urzustand wiederherstellen. Und dann kann in 15 Jahre eine neue Kultur wachsen. Entscheidend ist das Bewusstsein, dass das Zeitproblem keine Naturgewalt ist. Wir können etwas dagegen tun.


Tags: Management Beschleunigung

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