Wann der Chef zum Hörer greift

1.10.2007, 15:00

fifa_blatter.jpgDie Leitung am Apparat

Wenn der Chef höchstpersönlich anruft, muss es etwas Wichtiges sein. dialogue hat einige Schweizer Persönlichkeiten gefragt, wann sie selbst zum Hörer greifen, was für sie Telefonkultur ist – und in welcher Haltung sie am liebsten telefonieren.

Telefonknigge

«Auf keinen Fall im Sitzen», darin sind sich fast alle einig. Geistige und verbale Aktivität schürt offenbar den körperlichen Bewegungsdrang. Deshalb sitzen Schweizer Führungskräfte nicht ruhig am Schreibtisch, wenn sie die Muschel am Ohr haben. Sie stehen oder tigern auf und ab. «Das Handy ist mein Vademecum. Telefonhörer mit Kabel sind mir ein Gräuel, sie engen den Bewegungsradius ein», gibt Juri Steiner, Direktor des Berner Zentrum Paul Klee, zu. Zudem steigt beim flanierenden Telefonieren am Kabel die Gefahr, dass das Gespräch mit Würgemalen oder anderen bösen Verletzungen endet. Nur Kommunikationsminister Moritz Leuenberger hat gern Ruhe beim Telefonieren: «Im Gegensatz zu vielen Menschen kann ich immer noch nicht mit dem Handy telefonieren, dabei einen Burger verschlingen, zum Zug rennen, dazu noch im anderen Ohr den iPod anhören und wenn möglich noch ein Kind am Arm mitschleppen. Am besten ist, wenn ich die Augen schliessen und mich auf meinen Partner konzentrieren kann.» Und mit geschlossenen Augen sollte man wirklich nicht herumlaufen.

Wie man am liebsten telefoniert, sagt viel über einen selbst und über den Respekt vor dem Gegenüber aus. Wer steht, nimmt Haltung an. Wer die Füsse auf den Tisch legt, führt entweder eine sehr entspannte, private Unterhaltung – oder streckt dem Gesprächspartner die Schuhsohlen ins Gesicht. Bildtelefon unnötig. Die Stimme allein verrät die Haltung. Auch Mimik und Gestik sind «hörbar».

On-Line
70 Prozent der geschäftlichen Kommunikation finden noch immer am Telefon statt, trotz E-Mail. Eine Umfrage von TNS Emnid offenbart, dass 53 Prozent aller Führungskräfte heute genauso viel telefonieren wie vor dem Einzug der E-Post, von den weiblichen Führungskräften greifen 47 Prozent sogar häufiger als früher zum Telefon. Klar: In Zeiten ständig tickender Uhren zählt, dass ein Telefonat meist schneller erledigt ist als ein E-Mail. Ausserdem kommunizieren wir von Tag zu Tag mehr, für ein Anliegen wird auf allen Kanälen gefunkt. Schweizer Führungskräfte steuern dagegen: «Die heutigen Technologien bieten einen ganzen Fächer zur Optimierung der Kommunikation: Telefon, E-Mail, SMS, Chat, Internetforen, Weblogs etc.», zählt Carsten Schloter, CEO von Swisscom, auf. «Wir sollten lernen, den Einsatz dieser Mittel noch bewusster zu wählen und für die wichtigen Themen immer, für die übrigen nur auf Wunsch erreichbar zu sein.»

Die Qual der Kanalwahl Die Wahl des Kommunikationskanals sollte sich nach dem Anliegen richten. «Ein Anruf unterstreicht das persönliche Engagement der Kontaktaufnahme. Manchmal ist Telefonieren schlicht höflicher oder mutiger als Schreiben», meint Juri Steiner. In der Tat. Höflicher zum Beispiel, wenn man sich für etwas bedanken möchte. Mutiger je nach Gesprächspartner. Ein Telefonat kann Überwindung kosten, wenn man damit rechnen muss, dass der Gesprächspartner vom Hundertsten ins Tausendste kommt oder dass ihm eine Vielzahl von Sonderaufgaben einfällt, sobald ihm jemand zuhört. In solchen Fällen kann es einfacher sein, schnell ein paar Worte zu mailen. Auch wenn ein Konflikt in der Luft hängt, erscheint es oft angenehmer, eine Mail zu schicken. Aber Achtung: Digitale Wortgefechte sind gefährlich und anfällig für Missverständnisse. «Schwierige Phasen erfordern ein persönliches Gespräch, um Spannungen abzubauen», betont Carsten Schloter. «Da bietet sich der Griff zum Hörer an.» Telefonieren kann nicht nur Konflikte ausräumen, sondern auch Spass machen: «Für mich ist Telefonieren eher Lust als Last», sagt FIFA-Präsident Joseph S. Blatter, der gern für private Gespräche zum Hörer greift. «Trotzdem möchte ich nicht zu gut erreichbar sein.»

Beim Stichwort «Telefonkultur» ist für alle Führungskräfte der Respekt vor dem Gegenüber am wichtigsten. Dazu gehört, dass sich der Anrufer erst erkundigt, ob er stört, bevor er sein Anliegen vorbringt. Ausserdem ist volle Aufmerksamkeit für den Gesprächspartner geboten. Wer merkt, dass sein Gegenüber am Computer herumtippt, Kaffee trinkt, kritzelt oder mit anderen herumgestikuliert, wird seine Hirnzellen verärgert von der Unterhaltung abberufen – und das nächste Mal vielleicht den Hörer gar nicht mehr abnehmen. Ein gutes Rezept für erfolgreiche Kommunikation hat Moritz Leuenberger: «Ich will immer wissen, in welcher Situation sich mein Gesprächspartner befindet. Ist er mit dem Handy unterwegs – womöglich in einem Ruhewagen? Störe ich ihn zu Hause? Ich muss mir ihn oder sie vorstellen können und mich auf die Situation einlassen.»


Tags: Management Checkliste

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